
Bene – E fräche Siech
Die Biografie «Bene – E fräche Siech» des Historikers Beat Hodler zeichnet das Wirken von Bernhard Stirnemann als Berner Troubadour, Kleintheaterpionier, Politiker und Lehrer nach. Texte von Weggefährt:innen ergänzen das Buch.
Vorwort zur Biografie
Mys Käthi schmöckt nach Schoggola.
Kenne ich. Mani Matter.
Nein. Bernhard Stirnemann.
Ach so … Richtig.
Wie oft habe ich bei meinen Auftritten als Berner Chansonnier solche Dialoge schon geführt. Wer mit der Geschichte des Berner Chansons nicht vertraut ist, ordnet alles, was danach klingt, vorschnell Mani Matter zu. Schliesslich hat er – so die landläufige Lesart – das Genre erfunden. Doch die Wirklichkeit ist komplizierter. Wie so oft.
Tauchen wir ein in die späten 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts. In den Berner Altstadtkellern tut sich Erfrischendes. Junge Intellektuelle bemächtigen sich der Berner Mundart – literarisch, theatralisch, musikalisch. Befreien sie vom Staub Gotthelfscher Zeiten, entreissen sie den Fängen sittenstrenger Sprachwächter (ich wähle bewusst die männliche Form). Und siehe da: Das Berndeutsche erweist sich als gegenwärtig. Die Sprache trifft den Zeitgeist. So sehr, dass sie rasch von der Subkultur zur populären und später gar zur Popkultur mutiert.
Bernhard Stirnemann prägt diese Metamorphose mit. Fasziniert vom Chanson der Pariser Rive gauche, schreibt er alsbald eigene Lieder. Berndeutsche, da vermeintlich konkurrenzlos. Dass zur selben Zeit ein anderer dasselbe tut, weiss er nicht – und umgekehrt. Mani Matter und Bernhard Stirnemann gelten als Urväter des Berner Chansons, obwohl das Kabarett lange zuvor mit berndeutschen Liedern experimentierte. Sei’s drum.
Während Mani Matter heute Kultstatus geniesst, gerät Bernhard Stirnemann allmählich in Vergessenheit. «Ach so … Richtig» ist da bereits ein Erfolgserlebnis. Zu Unrecht. Wir sollten «Bene» – wie ihn sein Umfeld nannte – nicht vergessen. Er war ein begnadeter Chansonnier und Entertainer. Er war ein leidenschaftlicher Kleintheaterleiter und -förderer. Er war ein scharfzüngiger Kultur- und Gesellschaftspolitiker. Und er war ein engagierter Volksschullehrer.
Ob Kultur, Politik oder Schule: Seine Herkunft prägte Bernhard Stirnemann. Der Grossvater: Wirtschaftsflüchtling aus dem Elsass. Der Vater: Schreiner in der damals ärmlichen Berner Matte. Die Familie: katholisch im protestantischen Bern. Bernhard Stirnemann fühlte sich den Aussenseiterinnen, den Narren, den gefallenen Engeln zugetan. Zwar erkämpfte er sich peu à peu seinen Platz in der Gesellschaft, wurde nadisna Teil des Berner Establishments. Aber er blieb zeitlebens ein gesellschaftskritischer und aufmüpfiger Geist.
Auch Benes Chansons widerspiegeln seine proletarische Herkunft. Worte wie Flic, Siech oder Hallelujabäse, Redewendungen wie «‘s chasch nid frässe», «uf d Schnurren übercho» oder «dr Picku ga uf feschi Lisis schwinge» gaben vielen seiner Texte die Würze – und wurden zum unverwechselbaren Stilmittel. Er war kein «Metaphoriker», der seine Botschaften in vordergründig harmlose und damit kindergerechte Geschichten packte. Er mochte es direkter, unverblümter, ungeschminkter. Meist karikierend, teils ironisch, bisweilen sarkastisch. Aber immer so, dass alle wussten, was gemeint ist.
Die Idee, Bernhard Stirnemann mit einer Biografie und einem Gedenkprogramm zu würdigen, gärte lange in mir. Er gehört zu meinen Vorbildern als Berner Chansonnier. Sass ich in den Programmen der Berner Troubadours – lange nach Mani Matters Tod – freute ich mich ganz besonders auf ihn. Er war der Politischste, der Aufmüpfigste, der Schalkhafteste. E fräche Siech – im wohlwollendsten Sinne des Wortes: witzig-vorwitzig, geistreich-eloquent, doch stets liebenswürdig-charmant. In seinen Liedern wie in seinen Ansagen. Irgendwann durfte ich ihn als einen meiner Förderer kennenlernen – wofür ich ihm bis heute dankbar bin.
Damit Ideen Wirklichkeit werden, braucht es zuweilen den einen oder anderen Glücksfall. Glücksfall Nummer 1: Beat Hodler, Historiker und Freund aus jungen Jahren. Er stösst in seinen Tagebüchern auf meinen Namen und lädt mich zum Kaffee in die Lesbar. Wir reden – auch über Bernhard Stirnemann. Beat ist sofort hellwach. Und bald schon durchforstet er die Archive. Das Ergebnis: dieses sauber recherchierte Buch. Glücksfall Nummer 2: Lisa Catena, Comédienne und Chansonnière. Wir lernen uns 2017 an den Berner Chanson-Tagen kennen. Heute teilen wir ein Büro und die Freude an Benes Chansons. Gemeinsam mit ihr ist ein Gedenkprogramm für den legendären Berner Troubadour entstanden.
Genug der «Vorworte»? Fast, wäre da nicht noch diese persönliche Anekdote:
Mys Käthi schmöckt nach Schoggola.
Kenne ich. Bernhard Stirnemann.
Woher weisst du das?
Ich ging bei Chocolat Tobler in die Lehre.
Ach so …
Rolf Marti, Berner Chansonnier